Mobilitätstraining für Blinde

Mobilitätstraining für Blinde und Sehbehinderte

Hier geht's zur Kurzzusammenfassung

Für viele Menschen bricht mit einem Schlag die altbekannte Welt zusammen, wenn plötzlich oder ganz allmählich das eigene Augenlicht erlischt. Blinde und stark sehbehinderte Menschen verlieren dann nicht nur unverhofft das Selbstwertgefühl, sondern sehen sich auf einmal mit Problemen konfrontiert, die ihnen vorher völlig unbekannt waren: Die allgemeine Orientierung geht abhanden, man kann ohne Hilfsmittel kaum mehr den Lebensalltag bewältigen und auch die Mobilität scheint in extremen Maße eingeschränkt zu sein. Doch all diese Schwierigkeiten können bewältigt werden - mit einem sogenannten Mobilitätstraining, das mittlerweile in zahlreichen Städten angeboten wird und für blinde wie auch stark sehbehinderte Menschen die Tür zu neuen Erfahrungen öffnen kann.

Mobilitätstraining für Blinde und Sehbehinderte - Was ist das eigentlich?

Mobilitätstraining für blinde Menschen beinhaltet keineswegs nur die Wiederherstellung einer körperlichen Mobilität auf der Straße, sondern geht tatsächlich weit darüber hinaus. So umfasst der Begriff gleichermaßen die sichere Orientierung mit Blindenhund und Stock als auch die Verwendung spezieller Hilfsmittel, die Bewältigung des Lebensalltags sowie die Herausbildung der anderen menschlichen Sinne, die zuverlässig die bisherige Rolle der Augen übernehmen sollen. Informationen darüber, wie und wo ein Orientierungs- und Mobilitätstraining absolviert werden kann, erteilen der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband bzw. dessen angeschlossene Landesverbände wie auch der Berufsverband der Rehalehrer für Blinde und Sehbehinderte. Über all diese Institutionen finden Sie auch Infos über die einzelnen Trainingsangebote sowie die zur Verfügung stehenden Lehrkräfte, die mit den betroffenen Menschen diese Übungsprogramme durchführen.

Mobilitätstraining fängt in den eigenen vier Wänden an. Denn vor allem im Alltagsleben muss wieder Selbstwertgefühl und Sicherheit hergestellt werden Mobilitätstraining fängt in den eigenen vier Wänden an. Denn vor allem im Alltagsleben muss wieder Selbstwertgefühl und Sicherheit hergestellt werden
Selbst im früher wohlbekannten persönlichen Umfeld lauern nach einer Erblindung ungeahnte Hindernisse. Ein Mobilitätstraining hilft, diese Gefahren zu minimieren. Selbst im früher wohlbekannten persönlichen Umfeld lauern nach einer Erblindung ungeahnte Hindernisse. Ein Mobilitätstraining hilft, diese Gefahren zu minimieren.

Ein fehlender Körpersinn - viele neue Gefahren

Doch mancher betroffene Mensch mag sich nach Beginn der Erblindung vielleicht auch fragen: Brauch ich wirklich ein Mobilitätstraining mit einem professionellen Trainer? Ich schaff das doch auch alleine! Ein großes Selbstwertgefühl ist gut, aber viele sind sich der neuen Gefahren noch gar nicht wirklich bewusst. Auch wenn man sein persönliches Umfeld ganz genau kennt, ist dieses nun voller neuer Hürden und Hindernisse, die man bisher noch niemals wahrgenommen hat: Wo ragt doch gleich nochmal der Fahrradständer in den Fußweg hinein? Wie weit steht der Café-Aufsteller tatsächlich von der Häuserwand weg? Hab ich Schlaglöcher früher instinktiv umgangen oder waren in Wirklichkeit überhaupt gar keine da? Besonders gefährlich wird es, wenn der Fußweg stufenlos auf die Fahrbahn übergeht - denn dann kann es einem blinden Menschen leicht passieren, dass er bereits mitten auf der Straße steht, ohne es zu ahnen. Das Mobilitätstraining hat die Aufgabe, all diesen "neuen" Gefahrenrisiken bestmöglich vorzubeugen.

Für neue Mobilität in Haus und Stadt - Clevere Techniken mit dem Blindenlangstock

Um blinden Menschen wieder ausreichend Sicherheit und Selbständigkeit im Alltag zurückzugeben, hatte ein findiger Mann namens Richard Hoover im Jahre 1945 den ersten Blindenstock entwickelt. Mit Hilfe dieser ausgeklügelten Konstruktion können nicht nur gefährliche Hindernisse erkannt und Entfernungen bestimmt werden, sondern mit einer gewissen Übung sogar dreidimensionale Umgebungsbilder im Gehirn entstehen. Dabei gibt es im Mobilitätstraining ganz unterschiedliche Techniken zu erlernen: Mittels der Pendeltechnik ist es möglich, Hindernisse zu erkennen und Abstände zu messen, mit der Schleiftechnik kleinere Stolperfallen zu umgehen und mit der Doppelpunkttechnik wichtige Informationen über die Dinge außerhalb des eigenen Schrittweges zu erfahren. Ganz spezielle Übungsinhalte sind die Diagonal- und Treppentechniken, die dazu dienen, Wandöffnungen, Ecken und Treppen aufzuspüren.

Der Langstock für Blinde kann mehr als man ihm zutrauen mag. Doch nur mit dem richtigen Training kann er zum unentbehrlichen Hilfsmittel werden Der Langstock für Blinde kann mehr als man ihm zutrauen mag. Doch nur mit dem richtigen Training kann er zum unentbehrlichen Hilfsmittel werden
Spezielle Vorlesegeräte ermöglichen durch moderne Technik wieder das Schmökern in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften Spezielle Vorlesegeräte ermöglichen durch moderne Technik wieder das Schmökern in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften

Neue Lebensqualität durch Lesen - Der Einsatz von Vorlesegeräten

Wer glaubt, dass das Schmökern spannender Bücher und wissenswerter Zeitschriften mit einer Erblindung der Vergangenheit angehört, irrt sich glücklicherweise ganz gewaltig. Denn Lesen ist dank hochmoderner Techniken heute auch für blinde Menschen wieder problemlos möglich - beispielsweise mittels raffiniert konstruierter Vorlesegeräte. So erfassen diese kleinen Technikwunder beliebige Texte mittels Scanner oder Kamera und geben die Inhalte zuverlässig mit einer simulierten Vorlesestimme wieder. Die Geräte arbeiten ganz für sich alleine und benötigen keinerlei zusätzliche Computer, aber dennoch sollte in einem umfassenden Mobilitätstraining die genaue Funktionsweise und vor allem die richtige Bedienung des Apparates eingeübt werden. Doch dies ist letztendlich einfacher als man denkt, denn die künstlichen Vorleser sind speziell für blinde Menschen entwickelt worden und zeichnen sich unter anderem durch große, griffige Tasten sowie eine hohe Benutzerfreundlichkeit aus.

Die ersten "Berührungspunkte" mit Braille - das Erlernen der Blindenschrift

Wer sich beim Lesen und Schmökern weniger auf das Gehör, sondern vielmehr auf den Tastsinn verlassen möchte, wird in seinem ganz persönlichen Mobilitätstraining schließlich nicht drum herumkommen, die Blindenschrift Braille zu lernen. Diese Schrift ist im Jahre 1825 vom Franzosen Louis Braille speziell für Blinde und Sehbehinderte entwickelt worden und zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit den Fingerkuppen "ertastet" wird. Dabei wird jeder einzelne Buchstabe durch ein spezifisches Muster aus fühlbaren Punkten dargestellt, die je nach dargestelltem Zeichen auf eine andere Weise kombiniert werden. Und was bisher wohl den wenigsten Außenstehenden bekannt sein dürfte: Mit dem Hilfsmittel der Brailleschrift kann man nicht nur lesen, sondern im gewissen Sinne tatsächlich auch noch hören! Die Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig führt eine ganze Abteilung, über welche man sich deutschlandweit mehr als 6.200 Musiktitel in der Braille-Musikschrift ausleihen kann. Auch Notenlesen stellt für blinde Menschen also keine zwingende Unmöglichkeit mehr dar.

Das Lesen der Blindenschrift Braille kann nur durch regelmäßiges Trainieren erlernt werden Das Lesen der Blindenschrift Braille kann nur durch regelmäßiges Trainieren erlernt werden
Spezielle Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte gibt es für die unterschiedlichsten Alltagssituationen Spezielle Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte gibt es für die unterschiedlichsten Alltagssituationen

Auch sie gehören zur persönlichen Mobilität: Praktische Hilfsmittel für den Alltag

Nicht nur für lesefreudige Bücherwürmer sind heutzutage praktische Hilfsmittel zu finden, sondern gleichermaßen für die verschiedensten Lebenslagen im Alltag, im Haus und auf der Straße. Im Mobilitätstraining wird demnach auch der richtige Umgang mit solchen kleinen Helferlein geprobt. Zu Ihnen gehören unter anderem intelligente Blindenhandys, sprechende Armbanduhren sowie spezielle Geldbörsen, die das rasche Auffinden der richtigen Geldmünzen wesentlich erleichtern. Eine weitere raffinierte Konstruktion ist das sogenannte Farberkennungsgerät, das Ihnen per Knopfdruck die genaue Farbe eines Gegenstandes nennt - unerheblich, ob es sich um ein Paar Socken oder das schicke Abendkleid für den abendlichen Restaurantbesuch handelt. Unverzichtbar für viele blinde und sehbehinderte Menschen ist mittlerweile auch die neue DAISY-Technik, ein cleveres System, mit welchem man kinderleicht durch spannende Hörbücher navigieren kann.

Mobilitätstraining zu zweit - Übungen mit dem Blindenhund

Blindenführhunde sind speziell ausgebildete Assistenzhunde, die blinden Menschen eine gefahrlose Orientierung sowie eine neue Mobilität auf der Straße ermöglichen und gemäß des Sozialgesetzbuchs tatsächlich auch als Hilfsmittel gelten. Was diese tierischen Begleiter leisten können, ist in der Tat erstaunlich: So etwa suchen sie auf bestimmte Kommandos hin bestimmte Türen, Treppen oder Telefonzellen auf und zeigen dabei selbständig jegliche Art von Hindernissen an, seien es parkende Autos oder nasse Pfützen auf dem Gehweg. Ein Blindenhund versteht bis zu 80 verschiedene Rufzeichen und kann zur Not auch eigenhändig einen Befehl verweigern, sofern der Hund sich einer unvermittelten Gefahr gegenüberstehen sieht. Ein solches Mobilitätstraining findet nicht nur einmal im Rahmen des Übungsprogrammes statt, sondern gewissermaßen ein ganzes Leben lang. Hund und Mensch müssen schließlich perfekt miteinander funktionieren und nur durch die regelmäßige Beschäftigung mit dem Tier sind zuverlässiges Verstehen und Ausführen der Kommandos gewährleistet.

Für das Zusammenspiel von Menschen und Hunden ist ein lebenslanges Training notwendig Für das Zusammenspiel von Menschen und Hunden ist ein lebenslanges Training notwendig
Blinde Menschen können durch Stärkung der anderen Sinne ganz neue Fähigkeiten entwickeln Blinde Menschen können durch Stärkung der anderen Sinne ganz neue Fähigkeiten entwickeln

Wer nicht sehen kann, muss hören - wenn die anderen Sinne immer wichtiger werden

Zum richtigen Mobilitätstraining gehören aber keineswegs nur Dinge, die den Ausfall der Sehkraft betreffen, sondern auch Dinge, die mit den anderen Sinnen des Menschen zu tun haben. Denn was viele Außenstehende nicht wissen: Blinde Menschen können ganz neue Fähigkeiten entwickeln, die sie vorher nicht aufweisen konnten. Und dies hat einen einfachen Grund: Im menschlichen Gehirn ist ein bestimmter Bereich für das Sehen zuständig. Erblindet eine Person, werden die Sehzellen im Gehirn quasi "arbeitslos" und entwickeln nach und nach neue Eigenschaften und Aufgaben, die üblicherweise den Tastsinn oder das Gehör betreffen. So etwa gelingt es blinden Menschen mit dem richtigen Training, das Hörvermögen zu einem perfekten Hilfsmittel zu entwickeln, das in seiner Ausgeprägtheit kaum mehr übertroffen werden kann: Blinde können an der Stimme eines Menschen intuitiv dessen tatsächliche Absicht hinter den gesprochenen Worten erkennen und schaffen es anhand von kleinsten Geräuschen auf ihren momentanen Standort zu schließen.

Zusammenfassung

  • Mobilitätstraining für blinde Menschen beinhaltet die Schulung von Mobilität, Orientierung und die Verwendung spezieller Hilfsmittel
  • Solche Schulungen sind oft unentbehrlich, weil auch das bekannte persönliche Umfeld viele neue Gefahren bergen kann
  • Mit dem Blindenlangstock lassen sich viele nützliche Techniken erlernen
  • Mit Vorlesegeräten können Blinde und Sehbehinderte wieder mühelos "lesen"
  • Das Erlernen der Blindenschrift Braille schafft neuen Zugang zu Büchern und Musikwerken
  • Beim Mobilitätstraining werden auch nützliche Hilfsmittel erklärt: Sprechende Uhren, DAISY-Player, Farberkennungsgeräte
  • Das Training mit einem Blindenhund eröffnet ganz neue Möglichkeiten in der Mobilität
  • Im Mobilitätstraining werden gleichzeitig auch die anderen Sinne des Menschen geschult

Zurück zur Übersicht